Der erste Blick
Seit einigen Stunden saß Benni ohne Begleitung in der Bar. Lautes Stimmengewirr durchzog den meterhohen Raum und hauchte dem Ganzen pulsierendes Leben ein. Die Ausstattung war elegant und stilvoll, eine Umgebung in der er sich rundum wohl fühlte. Benni ging regelmäßig einige Male die Woche hierher, immer gleich nach der Arbeit, damit er herunterfahren und abschalten konnte. Er mochte es, dass hier das Leben tobte, aber niemand etwas von ihm wollte. Das hatte er schließlich den ganzen Tag. Normalerweise trank er in Ruhe ein Glas Rosso de Montalcino, beobachtete dabei die Leute und fuhr wieder nach Hause.
Heute saß er bereits viel länger als üblicherweise hier.
Von seinem Barhocker aus hatte er einen ausgezeichneten Blick auf eine Frau, die er in dieser Bar noch nie gesehen hatte und die nur wenige Schritte von ihm entfernt am Tisch saß. Natürlich war eine Frau, wie sie, nicht alleine. Ihr gegenüber saß ihr Begleiter, der jedoch mit dem Rücken zu Benni saß und als Benni hereingekommen war, hatte er nicht auf ihn geachtet. Niemals zuvor hatte er eine so faszinierende Frau gesehen, geschweige denn kennen gelernt. Ihr Äußeres, da würde man wahrscheinlich auf den ersten Blick nichts Bemerkenswertes wahrnehmen, aber...
„... etwas trinken." Die ersten Worte des Kellners waren an ihm vorbeigeflossen, so sehr war er auf diese Fremde konzentriert gewesen.
Benni sah zum Kellner. „Noch eines." Dann drehte er den Kopf wieder leicht seitlich, damit er sie ungehindert ansehen konnte. Zuerst vernahm er noch wie alle Stimmen durcheinander wuselten, aber ganz langsam rückte es in die Ferne, so allmählich, dass es ihm gar nicht weiter auffiel. Wie sie gedankenverloren mit dem langen eleganten Zeigefinger am Rande des Weinglases entlangfuhr und ihr schlanker Hals beim Sprechen leicht geneigt war.
Wie es wohl wäre, wenn er ihre Lockenpracht mit der Hand beiseite schieben und diese edle Linie ihres Halses mit den Lippen genussvoll entlangstreifen würde; ganz zart, so, wie sie es mit dem Finger beim Weinglas tat? Gewiss roch sie unglaublich gut. Fast meinte er ihren sicherlich aufregenden Duft einatmen zu können. Wenn sie zuhörte, so wie jetzt, dann kräuselten sich ihre Lippen ein klein wenig, fast so, als würde sie leicht schmollen. Am liebsten hätte er sie dort mit dem Finger berührt. Diese unglaublichen Lippen, die in ihm die herrlichsten Phantasien auslösten.
In Gedanken berührte er sie.
Überall.
Ihre Brüste zeichneten sich unter der blitzsauberen weißen Businessbluse ab. Wahrscheinlich hätten sie leicht in seiner Handfläche Platz.
Und welche Farbe wohl ihre Nippel und die Haut darum hatten?
Waren sie eher dunkel, oder hell?
Der zarte BH den sie darunter trug, ließ zu, dass er deren Abdruck sehen konnte, und gerade das machte alles noch reizvoller. Sie hatte nur zwei Knöpfe geöffnet, was nicht wirklich einen Einblick in ihr Dekolletee zuließ, aber die sanften Ansätze ihrer Rundungen waren seinen Blicken ungehindert ausgesetzt. Ihre glatte Haut verlockte förmlich dazu sie anzufassen.
Wenn sie sprach, unterstrich sie die Worte mit den feingliedrigen Händen. Der Tisch verdeckte den größten Teil ihrer Beine, aber die schlanken Fesseln konnte er sehen und die Füße, die in schmalen schwarzen Absatzschuhen steckten, gefielen ihm.
Ob ihre Haut so glatt war, wie sie aussah?
Gerne hätte er mit seiner Zunge darübergestreichelt, es gefühlt, auch mit seinen Händen und natürlich hätte er an ihrer Haut gerochen, ihren Duft eingesaugt.
Hatte sie Strümpfe oder eine Feinstrumpfhose an? Er stellte sie sich lieber mit Strümpfen vor, solchen Dingern, die von selbst hielten.
„Hallo Benni."
Benni erschrak so sehr, dass es ihn förmlich riss, als plötzlich Marcus neben ihm stand. Benni tauchte auf aus einer luftleeren Blase und um ihn herum waren wieder laute Gesprächsfetzen zu hören. Er brachte kein Wort heraus, und nun sah ihn die Fremde direkt an. Smaragdgrüne Augen, die vor Leben sprühten, in den Augenwinkeln kleine Lachfältchen, und er musste sich zwingen wegzusehen um Marcus, der vor ihm stand, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Einem ehemaligen Studienkollegen, mit dem er nie viel zu tun gehabt hatte, da ihre Interessen weit auseinander gedriftet waren.
Er fragte sich, wo der Begleiter der Schönheit geblieben war, denn er saß nicht mehr bei ihr. Mit ihr hatte er sich in Gedanken tatsächlich so sehr beschäftigt, dass er nicht einmal bemerkt hatte, wie ihr Gegenüber weggegangen war. Oder sollte gar Marcus bei ihr gesessen haben?
„Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen. ‑ Möchtest du dich nicht an unseren Tisch setzten?" Marcus deutete exakt auf den Tisch, an dem Benni die Schönheit seither wie hypnotisiert angestarrt hatte.
„Dann kann ich dir gleich meine Schwester vorstellen."
Seine Schwester.

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© Aveleen Avide